Friedrich Merz fordert die Klarnamenpflicht im Internet, um mit seinen Kritikern „auf Augenhöhe“ zu sprechen.
Augenhöhe?
Der Parteichef mit Fraktionsmacht, Medienzugang, juristischer Rückendechung und Immunität – und der normale Bürger mit WLAN und Arbeitsplatz, den man verlieren kann?
Das ist keine Augenhöhe.
Das ist ein Machtgefälle mit Namensschildpflicht für die schwächere Seite.
Anonymität war historisch kein Feigenblatt, sondern ein Schutzschild.
Hätte es eine verpflichtende Klarnamenpflicht gegeben, wären viele Stimmen schlicht verstummt:
Sophie und Hans Scholl wurden hingerichtet, als herauskam, dass sie die Flugblätter veröffentlicht hatten.
Alexander Solschenizyn hätte seine Kritik am sowjetischen System nicht einmal im Ansatz verbreiten können – er landete schon wegen eines Briefes im Gulag.
Julius Fučík schrieb im Untergrund gegen die Nationalsozialisten – enttarnt, hingerichtet.
Liu Xiaobo unterschrieb „Charta 08“ – 11 Jahre Haft, Tod in Gefangenschaft.
Anonymität war nie bequem.
Sie war eine Überlebensstrategie.
Natürlich leben wir heute in Deutschland (noch) nicht im Gulag, aber der Weg führt von der Meinungsfreiheit weg.
Wenn morgens wegen einzelner überspitzter Posts im Internet die Polizei klingelt, wirkt der Ruf nach Klarnamen nicht als Dialogbereitschaft, sondern als Abschreckung.
Wer Macht ausübt, braucht keinen Schutz durch Anonymität.
Wer Macht kritisiert, manchmal schon.
Eine Demokratie erkennt das Machtgefälle an.
Eine empfindliche politische Klasse will Namenslisten.
Und nein – Kritiker und Machthaber agieren niemals auf Augenhöhe.
Die einen riskieren etwas.
Die anderen verwalten das Risiko.
Klarnamen schaffen keine Augenhöhe.
Sie schaffen Transparenz – aber nur für die Seite ohne Macht.
Erich Mielke und die Staatssicherheit ließen Schreibmaschinen überprüfen und registrieren, um leichter herauszufinden, wer Regimekritik verfasst hatte.
Selbstverständlich hätten Himmler, Stalin, Mielke, Idi Amin, die Ayatollahs, Mao… gerne eine Klarnamepflicht gehabt.
Aber nicht, um mit ihren Kritikern auf Augenhöhe zu agieren, sondern um sie (mund)tot zu machen.
