Von Hans Weber
Iran ohne Mullah-Regime: moralisch wünschenswert, strategisch kalkuliert
Ein Ende der theokratischen Herrschaft im Iran wäre für viele Menschen im Land eine Befreiung. Doch die entscheidende Frage lautet: Ist die mögliche Befreiung der Iraner tatsächlich der Grund für die aktuelle geopolitische Eskalation? Ein Blick in die Geschichte legt nahe, dass moralische Argumente in internationalen Konflikten oft eher die Begleitmusik sind – während strategische Interessen den eigentlichen Takt vorgeben.
Ein Land zwischen Repression und Hoffnung
Ein Iran ohne das Mullah-Regime wäre für viele Iraner eine Befreiung. Das ist keine provokante These, sondern eine nüchterne Feststellung, wenn man auf vier Jahrzehnte politischer Repression, Hinrichtungen, Zwangsreligiosität, die Macht der Revolutionsgarden, wirtschaftliche Stagnation unter Sanktionen, systemische Korruption und die gewaltsame Niederschlagung von Protestbewegungen blickt.
Millionen Iraner haben in den vergangenen Jahren immer wieder gezeigt, dass sie sich nach einem anderen politischen System sehnen. Proteste gegen das Regime gehören inzwischen zum politischen Alltag des Landes.
Doch eine entscheidende Frage bleibt:
Ist die Befreiung der iranischen Bevölkerung tatsächlich der Grund für die aktuelle militärische Eskalation gegen Teheran?
Historisch betrachtet lautet die Antwort häufig: Nein.
Staaten handeln in der internationalen Politik selten primär aus moralischen Motiven. Moralische Argumente spielen zwar eine wichtige Rolle in der politischen Kommunikation, doch sie dienen oft eher der Legitimation als der eigentlichen Entscheidungsfindung.
„Gut klingende moralische Begründungen begleiten Kriege häufig – doch sie sind selten ihr eigentlicher Auslöser.“
Das Grundmuster internationaler Politik
Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass militärische Interventionen fast immer aus einer Mischung aus Sicherheitsinteressen, geopolitischen Kalkulationen und Machtpolitik hervorgehen. Der Zweite Weltkrieg wird oft als moralischer Referenzpunkt herangezogen. Tatsächlich führte der Sieg der Alliierten zur Befreiung Europas von einer der brutalsten Diktaturen der Geschichte. Dennoch war dies nicht der ursprüngliche Beweggrund für den Kriegseintritt der beteiligten Staaten. Großbritannien kämpfte zunächst um sein eigenes Überleben und opferte Polen und Osteuropa. Die Vereinigten Staaten traten erst nach dem Angriff auf Pearl Harbor in den Krieg ein.
Die Befreiung Europas war eine historische Konsequenz, die Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus oder die Rettung der Juden spielte überhaupt keine Rolle – die ursprünglichen Motive waren strategischer Natur. Dieses Muster findet sich in vielen internationalen Konflikten wieder.
Israels strategische Perspektive
Aus israelischer Sicht ist der Iran seit Jahrzehnten der wichtigste strategische Gegner im Nahen Osten. Die iranische Führung stellt die Existenz Israels offen in Frage und unterstützt militante Akteure in der Region, darunter die Hisbollah im Libanon sowie verschiedene Milizen in Syrien und im Irak. Hinzu kommen das iranische Raketenprogramm und der Ausbau militärischer Drohnentechnologie. Diese Fähigkeiten verändern das strategische Gleichgewicht in der Region erheblich. Aus israelischer Sicht ist es daher rational, den Iran dauerhaft als geopolitischen Gegner zu schwächen. Militärische Angriffe auf Kommando- und Sicherheitsstrukturen sowie die Schwächung des Machtapparates können deshalb als Teil einer langfristigen Sicherheitsstrategie interpretiert werden.
„Der Sturz eines Regimes ist nicht das Ende eines Konflikts – er ist oft erst der Beginn der schwierigsten Phase.“
Die globale Dimension: Russland und China
Auch aus amerikanischer Perspektive hätte ein geschwächter Iran geopolitische Konsequenzen, die weit über den Nahen Osten hinausreichen. Der Iran ist in verschiedenen Bereichen ein Partner Russlands geworden. Dazu gehören militärische Kooperation, wirtschaftliche Zusammenarbeit und Möglichkeiten zur Umgehung westlicher Sanktionen. Ein politisch destabilisiertes oder neu ausgerichtetes Teheran könnte daher Russlands strategische Position im Nahen Osten erheblich schwächen. Auch China verfolgt langfristige Interessen im Iran. Peking ist an stabilen Energieimporten interessiert und betrachtet das Land als möglichen Bestandteil seiner globalen Infrastrukturstrategie. Ein Iran, der politisch instabil ist oder sich geopolitisch neu orientiert, würde diese Planungen erheblich erschweren.
Iran als geopolitischer Knotenpunkt der Großmächte
Der Iran war über Jahrzehnte hinweg immer wieder Gegenstand geopolitischer Interventionen großer Mächte. Ein besonders deutliches Beispiel ist die Besetzung des Landes im Jahr 1941 durch Großbritannien und die Sowjetunion. Über den sogenannten Persian Corridor liefen große Teile der amerikanischen Lend-Lease-Lieferungen an die Sowjetunion im Kampf gegen Deutschland.
Gleichzeitig spielte das iranische Öl eine zentrale Rolle.
Der Iran war damit nicht nur ein Staat im Nahen Osten, sondern auch ein strategischer Knotenpunkt globaler Machtpolitik.
Ein weiteres Schlüsselereignis war der Sturz des iranischen Premierministers Mohammad Mossadegh im Jahr 1953. Nachdem Mossadegh die iranische Ölindustrie verstaatlicht hatte, unterstützten britische und amerikanische Geheimdienste einen politischen Umsturz, der schließlich zur Wiederherstellung der Macht des Schahs führte. Dieser blieb in den folgenden Jahrzehnten ein enger Verbündeter des Westens, regierte im Inneren jedoch zunehmend autoritär.
Die islamische Revolution von 1979 beendete schließlich diese politische Ordnung. Bis heute wird diskutiert, welche Rolle westliche Akteure in den letzten Monaten der Monarchie gespielt haben. Historisch gesichert ist vor allem, dass die Revolution das Ergebnis komplexer inneriranischer Entwicklungen war, die durch internationale Fehlentscheidungen und Fehleinschätzungen zusätzlich verstärkt wurden.
Der Iran-Irak-Krieg: ein Lehrstück geopolitischer Stellvertreterkriege
Der Iran-Irak-Krieg der 1980er Jahre zeigt besonders deutlich, wie regionale Konflikte Teil größerer strategischer Rivalitäten werden können. Nur ein Jahr nach der islamischen Revolution griff der irakische Präsident Saddam Hussein den Iran an. Der Krieg entwickelte sich zu einem der blutigsten Konflikte des späten 20. Jahrhunderts. Die Vereinigten Staaten unterstützten den Irak indirekt, unter anderem durch Geheimdienstinformationen und diplomatische Kooperation. Ziel war vor allem, einen Sieg des revolutionären Iran zu verhindern.
Parallelen zum Krieg in der Ukraine
Der Iran-Irak-Krieg gilt als klassischer Abnutzungskrieg. Beide Seiten gingen zunächst von einem schnellen militärischen Erfolg aus, doch der Konflikt entwickelte sich stattdessen zu einem jahrelangen Stellungskrieg. Eine ähnliche Dynamik lässt sich auch im Krieg in der Ukraine beobachten. Auch dort entwickelte sich ein Konflikt, der ursprünglich als schneller militärischer Schlag gedacht war, zu einem langwierigen Krieg mit hohen militärischen und wirtschaftlichen Kosten. In beiden Fällen spielen externe Mächte eine wichtige Rolle. Staaten unterstützen indirekt eine der beiden Seiten, wodurch ein regionaler Konflikt Teil größerer geopolitischer Rivalitäten wird.
Die Frage einer möglichen Pahlavi-Rückkehr
In der iranischen Opposition wird gelegentlich über eine mögliche Rückkehr der Pahlavi-Dynastie diskutiert. Der Sohn des letzten Schahs tritt international als politischer Aktivist auf und wird von Teilen der Diaspora unterstützt. Ob eine solche Lösung tatsächlich stabilisierend wirken könnte, ist jedoch unklar. Ein politischer Übergang hängt weniger von einzelnen Persönlichkeiten ab als von der Fähigkeit eines neuen Systems, funktionierende Institutionen aufzubauen. Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, wirtschaftliche Reformen und gesellschaftliche Versöhnung wären entscheidend für die langfristige Stabilität.
Warum Regimewechsel oft neue Instabilität erzeugen
Die Vorstellung, dass der Sturz eines autoritären Regimes automatisch zu Stabilität und Demokratie führt, hat sich in der jüngeren Geschichte mehrfach als Illusion erwiesen.
Der Irakkrieg von 2003 ist ein besonders deutliches Beispiel. Der Sturz Saddam Husseins beseitigte zwar eine brutale Diktatur, doch der anschließende Zusammenbruch staatlicher Strukturen führte zu jahrelanger Instabilität. Milizen, religiöse Konflikte und schließlich der Aufstieg des sogenannten „Islamischen Staates“ waren direkte Folgen dieses Machtvakuums.
Ein ähnliches Muster zeigte sich in Libyen, Afghanistan und Syrien nach den NATO-Intervention seit 2001. Der von Sturz Muammar al-Gaddafis und Assads führte nicht zu einem stabilen Staat, sondern zu einer Fragmentierung des Landes in rivalisierende Machtzentren und Milizen.
Fazit
Ein Iran ohne das Mullah-Regime könnte für die Region tatsächlich eine Chance auf mehr Stabilität darstellen. Gleichzeitig wäre ein solcher Wandel auch aus geopolitischer Sicht für westliche Staaten von Vorteil. Doch ein Regimewechsel ist kein Endpunkt. Er ist vielmehr der Beginn der schwierigsten Phase der politischen Transformation.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, ob ein Regime fällt, sondern was danach entsteht.
Die Geschichte zeigt, dass politische Systeme selten planmäßig ersetzt werden können. Stabilität entsteht nicht allein durch den Sturz einer Regierung, sondern durch den langfristigen Aufbau funktionierender Institutionen. Gerade deshalb bleibt die Zukunft des Iran eine der zentralen geopolitischen Fragen unserer Zeit.
